German English French Italian Spanish

Israelische Jugendliche zu Gegenbesuch an der Voltaire-Gesamtschule

POTSDAM / INNENSTADT - Sie sitzen in kleinen Gruppen beieinander, Israelis und Deutsche, und unterhalten sich ungezwungen. Kein Wunder, schließlich sind sie so etwas wie alte Bekannte: Zwölf Jugendliche aus der israelischen Stadt Herzliya wurden gestern in der Voltaire-Gesamtschule herzlich begrüßt. Sie erwidern einen Besuch von jungen Potsdamern, die im November vergangenen Jahres in Begleitung von Oberbürgermeister Jann Jakobs und Vertretern des Potsdamer Instituts für Software-Qualität (ISQI) zu einer fünftägigen Studienreise nach Israel aufgebrochen waren. Untergebracht waren die Potsdamer damals in den Familien von Mädchen und Jungen der Harishonim High-School. Jetzt sind die Voltaireschüler eine Woche lang die Gastgeber.

War die Reise für die jungen Potsdamer eine Auszeichnung für ihre Recherchen im Projekt „Stolpersteine“ – wie berichtet, hatten sie zu Schicksalen Potsdamer Juden recherchiert, die von den Nazis verschleppt und ermordet worden sind – so steht auch jetzt ein Geschichtsprojekt im Mittelpunkt des Aufenthaltes: Deutsche und Israelis befassen sich gemeinsam mit Aspekten des geteilten Deutschlands. „Wir haben uns dazu in Gruppen aufgeteilt“, berichtete Josefine Makarian, eine Voltaire-Schülerin aus der 12. Klasse. „Jeder konnte sich für verschiedene Einzelaspekte eintragen wie zum Beispiel das allgemeine Leben in dieser Zeit oder das Leben der Kinder“, erläuterte sie. Am kommenden Freitag werden die Resultate der gemeinsamen Projektarbeit in englischer Sprache präsentiert.

Natürlich sei das Projektthema auch wegen des aktuellen Bezugs ausgewählt worden, sagte Religionslehrerin Ulrike Boni Jacobi, die vor einem Jahr die Beteiligung der Voltaire-Schule am Projekt „Stolpersteine“ ins Rollen gebracht hat. „Schließlich feiern wir am 3. Oktober den Tag der Deutschen Einheit“. Zum anderen gebe es aber auch „gewisse Parallelen zu der heutigen Situation in Israel“, so Boni Jacobi. In Bezug auf die Konflikte zwischen Israel und der palästinensischen Bevölkerung gibt es auch eine Mauer – in vielen Köpfen und auch eine in Beton.

Thematisch ergänzt wird das Programm der jungen Israelis in Potsdam durch Besuche des „Mauer-Museums“ am Checkpoint Charly in Berlin, des jüdischen Museums und der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße.

„Solche Begegnungen und Freundschaften sind der Schlüssel für eine verständnisvolle und friedliche Zukunft“, sagte Voltaire-Schulleiterin Ortrud Meyhöfer. Sie habe die Vision, eines Tages Schüler aller Voltaire-Partnerschulen gemeinsam nach Potsdam einzuladen. Neben der Highschool in Herzliya sind dies Schulen unter anderem in Paris und in Finnland. (Von Romy Strobel)

 

Ex-Sowjetarmist saß in KGB-Gefängnis Leistikowstraße / Gespräch mit Voltaire-Schülern

POTSDAM / NAUENER VORSTADT - „Kämpft für eure Bürgerrechte und macht keine Dummheiten, die euch teuer zu stehen kommen können.“ Das ist Withold Abankins Botschaft an die Jugendlichen. Der Ex-Sowjetsoldat, der 1966 mehrere Monate im damaligen KGB-Gefängnis an der Leistikowstraße einsaß, ist seit Montag in Potsdam. Das Treffen mit einer 8. Klasse der Voltaire-Gesamtschule wurde auf seinen Wunsch hin in der Gedenkstätte organisiert, auf den Fundamenten der früheren Freigangzellen. Abankin will über seine Vergangenheit reden, über gesellschaftliche Zusammenhänge.

Die Leistikowstraße ist 1966 für Abankin Endstation eines Fluchtversuchs aus einer Kaserne in Werder/Havel, von wo aus er sich nach West-Berlin durchschlagen wollte. „Ich rechnete mit dem Schlimmsten, mit der Todesstrafe“, sagte er. Doch es kam anders: Ende 1966 begann eine Odyssee durch mehrere Durchgangslager, bis er nach Mordowien kam. Entlassen wurde er zwölf Jahre später, das Datum kann Abankin, der kaum Deutsch spricht, deutlich aussprechen: am 4.8. 1978, aus einem Lager bei Perm.

Der Grund des Fluchtversuchs waren gesellschaftskritische Gedichte, die ein Vorgesetzter bei Abankin gefunden hatte. Der fürchtete, wegen der Texte Probleme zu bekommen. Probleme mit dem Sowjetregime hatte seine Familie schon früh. Abankin war erst wenige Monate alt, als seine Mutter verhaftet wurde; sie hatte Flugblätter gegen das Stalinregime verteilt und wurde in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo sie starb. Sein Vater war Marineoffizier, aber kritisch eingestellt. Er schrieb seinem Sohn in die Haft tröstende Briefe: „Bleibe standhaft, das Regime wird auch nicht ewig halten.“ Der Glaube an Gott und die Hoffnung, dass das Gute über das Böse siegt, habe ihm Kraft gegeben, diese Zeit zu überstehen, sagt Abankin. Und irgendwie hatte die Haft, so absurd es klingt, auch ihr Gutes. Er hat viele gute Menschen kennen gelernt, berühmte Künstler, Dichter, manche verbrachten fast ihr ganzes Leben in Straflagern.

Abankin besucht heute Gefängnisse und Lager, setzt sich für Publikationen von Dichtern ein. Kürzlich hat er an seinem Heimatort Rostow am Don eine Musikgruppe mit dem Namen „Artikel 58“ gegründet. Nach diesem Artikel aus dem russischen Strafgesetzbuch der 20er Jahre waren viele Insassen der Leistikowstraße verurteilt worden.

Leider hat er seinen Vater nicht mehr wiedergesehen, er starb zehn Monate, bevor Abankin entlassen wurde. „Er hätte mich besuchen können, aber ich wollte ihm die peinliche Prozedur der Durchsuchung ersparen – die hätten ihm ja sogar in den Arsch schauen wollen“, sagt er. Regungslos. (Von Steffi Pyanoe.)