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17-jährige Voltaire-Schülerin bietet Führungen für jedermann an

„Man sieht die Stadt mit ganz anderen Augen, wenn man an einem Haus vorbeigeht und denkt ‚Hey, hier hat sie gewohnt'“, erzählt Josefine Markarian. Die 17-jährige Voltaire-Schülerin kam während einer Projektarbeit im Religionsunterricht in der achten Klasse mit dem Projekt „Stolpersteine“ in Kontakt. 2003 von dem Kölner Künstler Gunther Demning gegründet, erinnert das Projekt an die Opfer des Nazi-Terrors. Neben der Voltaire-Gesamtschule ist auch das Helmholtz-Gymnasium in Potsdam am Projekt beteiligt, gemeinsam wurden 22 Stolpersteine an den letzten Wohnorten der deportieren Juden in der Stadt verlegt.

2008 recherchierte Josefine das Schicksal der Jüdin Bertha Simonsohn. Diese lebte mit ihrem Mann und drei Söhnen in der Brandenburger Straße 19 und betrieb einen Textilwarenladen. „Sie hielt oft Kaffeekränzchen ab, ging kegeln und war regelmäßig in der Synagoge“, erzählt Josefine. Die Simonsohns wurden von den Nazis gezwungen, ihr Haus zu verkaufen, das Geld bekamen sie nie – obwohl Bertha Simonsohns Mann schwer krank war. Er starb 1940 und wurde auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Bertha Simonsohn war eine der letzten in Potsdam lebenden Jüdinnen. Mit dem Wissen, dass sie früher oder später deportiert würde, schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, der bis heute erhalten ist. Am 19. April 1943 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 17. Juni starb. Das Grab neben ihrem Ehemann ist bis heute leer.

Beim Recherchieren stellte Josefine Kontakt zu Bertha Simonsohns drei Enkelkindern her, die heute in Israel, den USA und England leben. „Zu dem Enkel in England, der heute auch schon 75 ist, habe ich bis heute noch Kontakt. Er gab mir Briefe, die Erich Kästner an die Schwiegertochter von Bertha Simonssohn schrieb“, erzählt sie. Außerdem pflegt sie ehrenamtlich das Simonssohn-Familiengrab auf dem Potsdamer Friedhof.

Josefine begleitete die kommenden Recherchen der achten Klassen am Projekt weiterhin. Im Rahmen von Schüleraustauschen mit Israel führte Josefine die Jugendlichen schon zu Stolpersteinen in Potsdams Innenstadt und erzählte die Schicksale hinter den kleinen Denkmälern. Im August kam die Idee, sich für den „Jugendkulturfonds“ zu bewerben und regelmäßig zwei Touren für Schüler und Erwachsene anzubieten. Im Rahmen des Jugendkulturfonds wird ihr Projekt mit 1000 Euro gefördert.

„Bei den Führungen trifft man auf Menschen mit spannenden Fragen, die ich selbst manchmal nicht beantworten kann. Oft denke ich mir dann ‚Wow, das ist eine gute Frage, das würde ich auch gern wissen!'“. Durch die vielen Informationen über die Menschen nehme man die Geschichte anders wahr. „Bertha Simonsohn ging gern kegeln und traf sich mit Freunden zum Kaffee – das mache ich auch gern“, sagt Josefine. Man habe einen persönlichen Bezug zu den Menschen, sie selbst durch die intensive Recherche und den bis heute bestehenden Kontakt zu ihrem Enkel sogar noch mehr als andere. Gerade deswegen ist es ihr wichtig, das Projekt weiter zu erhalten und bekannt zu machen.

Einen einstündigen Fußmarsch macht Josefine in der Potsdamer Innenstadt zu den Stolpersteinen in der Friedrich-Ebert-Straße, am Platz der Einheit und in der Brandenburger Straße. Eine zweieinhalbstündige Radtour führt zusätzlich nach Babelsberg, über die Glienicker Brücke bis zu vier Stolpersteinen in der Berliner Vorstadt. (Von Friederike Steemann)

 

Mittagessen im Schichtbetrieb

Von Steffi Pyanoe

Die Mensa der Voltaire-Schule ist zu klein und sanierungsbedürftig. Stadt hat erst 2015 Geld für Maßnahmen

Heute gibt es Eierkuchen, sehr lecker, das finden nicht nur die sechs Fünftklässlerinnen, die schon vor dampfenden Tellern sitzen. Noch gibt es freie Plätze in der Mensa der Voltaire-Gesamtschule, aber die Mittagspause hat auch gerade erst angefangen, die meisten der etwa 500 Schüler, die sich hier verpflegen wollen, stehen noch in der Schlange, die bis weit auf den Schulhof hinaus reicht. Gut, dass es nicht regnet. „Wir mussten 15 Minuten warten“, sagen die Mädels, und ob sie ihr Essen schaffen, bevor die zweite Schicht in die Mensa gelassen wird, ist unklar.

„Das Problem begleitet uns schon lange“, sagt Schulleiterin Karen Pölk. Die am stärksten nachgefragte Schule der Stadt hat mittlerweile fast 1000 Schüler, aber nur eine Mensa mit 150 Sitzplätzen. Gut 400 Kinder nutzen das warme Essensangebot, dazu kommen noch etwa 100, die an der Snack-Bar einkaufen. Beides, die Ausgabestelle des Caterers sowie der Kiosk, befinden sich in der Cafeteria, einem Flachbau neben dem Schulgebäude. Der wurde Anfang der neunziger Jahre einmal notdürftig saniert, seitdem sei nichts passiert, klagen Lehrer und Eltern. Von den Zerfallserscheinungen, wie vereinzelte Parkettschäden, fehlende Wärmedämmung, zugige Fenster und marode Decken, einmal abgesehen, sei er allerdings grundsätzlich zu klein – während der knapp einstündigen Mittagspause sei es unmöglich, allen Schülern eine gepflegte, stressfreie Einnahme des Mittagessens zu gewährleisten.

Mittlerweile engagiert sich die Elternkonferenz, nachdem selbst eine in die Mensa verlegte Tagung des städtischen Bildungsausschusses kein zufriedenstellendes Ergebnis nach sich gezogen hatte. Die Stadt regte damals an, die angrenzende sogenannte Aula zu den Essenszeiten zu öffnen. Diese ist allerdings selbst unterdimensioniert, ein Mehrzweckraum für etwa 100 Personen, in dem der Unterricht Darstellendes Spiel und diverse Proben stattfinden. Die Schule nutzt die Möglichkeit, ist aber unzufrieden. Um hier zu essen, muss der Unterricht vorzeitig beendet werden, um Tische und Stühle aufzustellen, klagt Pölk, ebenso verkürze sich die nachfolgende Unterrichtseinheit um die Zeit, die man zum Säubern und Wegräumen braucht. Die Stadt hatte damals extra die Verträge mit der Reinigungsfirma geändert, die diese Aufgaben übernommen hatte.

Nun seien, wie an anderen Potsdamer Schulen ebenfalls üblich, die Kinder in zwei Essen-Schichten eingeteilt, was aber schwierig einzuhalten sei, denn „einem hungrigen Sechstklässler den Zugang zum Kiosk zu verbieten, weil er fünf Minuten zu spät ist, das bringt doch keiner über’s Herz. Schließlich sind wir als Ganztagseinrichtung verpflichtet, ein verlässliches Mittagsband anzubieten“, sagt die Schulleiterin. Wenn im Frühling das Abitur geschrieben wird, in einer Aula, die nicht mal alle Abiturienten fasst, hätten die Kinder „schon mal für eine Woche das Essen auf den Schulfluren einnehmen müssen“, erinnern sich Pölk und Kollegen. Eine Nutzung der Räumlichkeiten des der Schule gegenüberliegenden Militärwaisenhauses während der Prüfungszeit habe sich als zu umständlich erwiesen, sagen die Lehrer.

In ihrem Schreiben an Oberbürgermeister Jann Jakobs, an die Stadtverordneten und den Bildungsausschuss forderten die Eltern im November „kurzfristige Übergangslösungen und eine mittelfristige Perspektive“. Im Prinzip müsse das Gebäude aufgestockt oder nach hinten verlängert werden, um den Ansprüchen einer Schule dieser Größenordnung gerecht zu werden.

Ausschussvorsitzender Michael Schröder (CDU) sagte dazu: Zur Lösung der baulichen Probleme sei eine grundhafte Sanierung nötig, für die es mittelfristig seitens der Stadt oder des KIS keine finanziellen Mittel gibt. Die Schulverwaltung sehe keine andere Möglichkeit, als diese Maßnahmen in die langfristige Investitionsplanung ab 2015 einzuordnen. Das bestätigte auch Rathaussprecher Jan Brunzlow. Bis dahin sei die Schule in der Pflicht, „durch geeignete organisatorische Maßnahmen Abhilfe zu schaffen“.

Die Schule habe ihre Möglichkeiten ausgeschöpft, sagen die Verantwortlichen dort, es gebe keine Raumkapazitäten mehr. Sogar die Kinder hätten sich engagiert und an diverse Fernsehsender mit Einrichtungssendungen gewandt. Bisher ohne Erfolg. Die Elternkonferenz wolle nun die laut Schröder für frühestens Januar geplanten Gespräche in den einzelnen Fraktionen abwarten. „Aber bis 2015 – so lange können wir nicht warten“, sagt die Vorsitzende der Elternkonferenz, Iris Feldmann.

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