German English French Italian Spanish

MEDIEN

Audiobeitrag kulturradio rbb:

Märkische Wandlungen

Neue Stolpersteine in Potsdam –

Potsdamer Gymnasiasten bieten Stadtführungen

INFORMATIONEN

Weitere Information und aktuelle Flyer finden Sie auf www.potsdam.de.

Das Stolperstein-Projekt

Ein Projekt der ReligionsschülerInnen der Voltaireschule in Potsdam unter der Leitung von Ulrike Boni-Jacobi

Der Künstler Gunter Demnig verlegt seit dem 04.01.1995 an vielen deutschen und europäischen Orten sogenannte Stolpersteine, um an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Vor dem letzten selbst gewählten Wohnsitz der Opfer werden Steine mit Messingplatten mit Namen sowie weiteren biografischen Daten in den Gehweg eingelassen.

So wird den durch die Nationalsozialisten zu Nummern degradierten Menschen ihr Name zurückgegeben.

Im September 2006 startete die Lehrerin Ulrike Boni-Jacobi an der Voltaireschule mit ihrem Religionskurs der Klasse 8 anlässlich der ersten Stolperstein-Verlegung in Potsdam ein eigenes Recherche-Projekt. Außer den Namen der Opfer sollten die Personen in ihrer Persönlichkeit gezeigt werden. Es sind die verlorenen Nachbarn Potsdams.

Im Religionsunterricht sammelten die SchülerInnen Hintergrundinformationen zu deportierten Potsdamer Juden. Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv lasen sie in Originalakten und ermittelten weitere Lebensumstände. In einigen Fällen gelang es ihnen, Nachfahren der Ermordeten ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Sie führten Telefonate mit ihnen, schrieben Briefe und E-Mails. Sie erstellten einen Flyer mit Informationen zu den damaligen Lebensumständen, welche die Landeshauptstadt in professionellem Layout herausgab. Die Jugendlichen gingen mit ihren Ergebnissen durch Presseartikel an die Öffentlichkeit, wodurch ihr Projekt bekannt wurde. Seitdem beginnt jährlich eine neue 8. Klasse, Personen und Biografien für das Stolperstein-Projekt zu ermitteln und das Projekt zu unterstützen.

Zur Eröffnung der Ausstellung „Zug der Erinnerung“ in Potsdam, welche an die Deportation jüdischer Kinder erinnert, hielten die Jugendlichen eine Rede bzw. trugen sie das Schicksal eines Jugendlichen vor, das sie recherchiert hatten. Die SchülerInnen erstellten einen eigenen zehnminütigen Film über die Stolpersteine in Potsdam. Außerdem präsentierten sie ihr Projekt unter anderem im Filmmuseum sowie im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam.

Die von den SchülerInnen erstellten Projekt-Exponate gingen auf eine Wanderausstellung in Museen des Landes Brandenburg – gemeinsam mit der Ausstellung „Aktenkundig Jude“ vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv. Diese Ausstellung ist noch immer zu sehen.

2009 folgte der Religionskurs gemeinsam mit dem Oberbürgermeister der Einladung einer israelischen Delegation nach Israel. Während des fünftägigen Aufenthaltes entstanden enge Kontakte zu den Gastfamilien und der Gastschule, die dazu führten, dass 2010 ein Gegenbesuch stattfand und daraus eine Schulpartnerschaft entstanden ist. Zwischen der Voltaireschule Potsdam und der Harishonim Highschool in Herzliya findet inzwischen ein regelmäßiger Schüleraustausch statt.

Das Stolperstein-Projekt nahm an verschiedenen Wettbewerben teil – wie z.B. am Oranienburger Toleranzpreis, dem Wettbewerb „Israel und ich“ vom LISUM Brandenburg und dem Wettbewerb „Demokratisch Handeln“ des Lehrstuhls für Schulpädagogik und Schulentwicklung der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Seit 2011 bieten SchülerInnen des Religionskurses Stolperstein-Führungen in Potsdam an. In diesen wird das Projekt vorgestellt und über die Schicksale, an welche die Stolpersteine erinnern, informiert und über die Forschungsarbeit berichtet. Dafür wurden von der Landeshauptstadt Flyer in englischer und deutscher Sprache in professionellem Layout hergestellt. Es wird außerdem ein Audioguide für Gehörlose angeboten. Die Führungen erfreuen sich einer großen Nachfrage – sowohl bei Touristen als auch bei Potsdamer Erwachsenen und SchülerInnen.

Inzwischen ist das SchülerInnen-Projekt jahrgangsübergreifend. Die älteste Schülerin des Projektes, Josefine Markarian, erhielt für ihr Engagement das Blaue Band, das Band für Mut und Verständigung des Landes Brandenburg.

2012 war ein Programmpunkt der Israelreise die Ehrung zweier Überlebender der Shoa für ihr Engagement in deutschen Schulen, die mit dem Brandenburg-Orden durch den Ministerpräsidenten ausgezeichnet wurden. Diese Zeremonie wurde gemeinsam von israelischen und deutschen SchülerInnen sowie LehrerInnen gestaltet, musikalisch begleitet und moderiert.

Die Voltaireschule lädt regelmäßig Überlebende der Shoa in die Schule ein. So war Shlomo Wolkowicz, einer der Geehrten, Gast bei Voltaire – und die Voltaire-SchülerInnen waren schon „alte Bekannte“.

Eine andere prägende Erfahrung war die Wiederbegegnung mit Betty Shlomi bei dieser Veranstaltung. Sie war 2010 aus Israel gemeinsam mit ihrem Bruder David Rosenbaum aus den USA zur Stolperstein-Verlegung für ihre Großeltern nach Potsdam-Babelsberg gekommen. Die große emotionale Bedeutung der Verlegung und der Recherchen der SchülerInnen hat sie bei dem Treffen in Israel geschildert. Darüber wurde in den Tagesthemen des Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) im Fernsehen berichtet.

Für die SchülerInnen sind u.a. auch durch diesen Kontakt die Stolpersteine „lebendig“ gewordene Geschichte. Durch die Möglichkeit der Identifikation wird das Empathievermögen der SchülerInnen besonders gefördert.

Die SchülerInnen des Stolperstein-Projektes beteiligen sich an zahlreichen weiteren Projekten und Aktionstagen, die sich mit den Themen der Shoa, Demokratischem Handeln und Zivilcourage befassen. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Veranstaltung zum Gedenken an Raoul Wallenberg in Berlin. Neben den Workshops fand dort auch eine Podiumsdiskussion mit dem Bundespräsidenten statt.

Im Mai 2013 findet eine erneute Stolperstein-Verlegung statt. Es erscheint ein neuer – inzwischen der vierte – Flyer in englischer und deutscher Sprache. Die 8. Klasse, die hierzu recherchiert und eine Präsentation vorbereitet, hat die Öffentlichkeit durch die Potsdamer Zeitungen und durch einen Bericht in einem Beitrag von Radio Kultur Brandenburg (rbb) informiert.

Das Stolperstein-Schulprojekt ist ein wichtiges Zeichen für die internationale Hoffnung auf Frieden!